Kulturhistorischer Rundgang

 

(C. Presche)

 

Geringfügig bearbeitete Fassung der Handreichung;

inhaltliche Auszüge sind als Aufsatz in der Hessischen Heimat erschienen, 55. Jg. (2005), Heft 2, S. 49-55.

Aktualisierung: April 2010.

 

 

 

Wilhelmshöher Platz 5

 


 

Ansicht um 1900

(Bildarchiv Foto Marburg)

 

 

 

Blick vom Friedrichsplatz durch die Königsstraße auf das Haus Wilhelmshöher Platz 5,

rechts das Opernhaus mit dem Opernplatz

(Stich von J. Poppel nach einer Zeichnung von L. Rohbock, nach 1821; Holtmeyer, Tafel 61,1)

 


-        Um 1799 durch Simon Louis du Ry für seinen Schwager, den Oberappellationsgerichtsrat Philipp Kopp errichtet, als optischer Abschluß der Königsstraße.

-        Im August 1806 von Kurfürst Wilhelm I. angekauft, um Handlungsfreiheit für die Platzgestaltung zu bekommen. 

-        Ab April 1807 bis 1809 an den Bankier Carl Jordis vermietet; er war verheiratet mit Ludovica Brentano (Schwester von Clemens Brentano). Das Haus war neben dem Schlößchen Schönfeld, das Jordis etwa zeitgleich gekauft hatte, ein wichtiger Treffpunkt der deutschen Romantik: Bettina von Arnim, Clemens Brentano, Achim von Arnim, Jakob und Wilhelm Grimm. Hier wurde die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn fertiggestellt.

-        König Jérôme plante an der Stelle des Hauses den Neubau eines Residenzschlosses, wofür Leo Klenze bereits Entwürfe erstellte.

-        1813/14 ging es in kurfürstlichen Besitz über; in den 1820er Jahren Wohnung von Ferdinand Ortlöpp, Bruder der Gräfin Reichen­bach, der Geliebten Wilhelms II. Ab den 1830er Jahren war es im Besitz der Frau des letzten Kurfürsten, Gertrud, Gräfin von Schaumburg, Fürstin von Hanau; der zugehörende Park nach ihr Fürstengarten genannt.

-        1847/50-1856 Sitz der kurhessischen Eisenbahn(bau)direktion, 1860-62/63 Wohnung des hess. Generalmajors von Loßberg.

-        Seit 1879 bis zum Abbruch 1910 Eigentum der Stadt; zunächst weiterhin vermietet, ab 1886 von städtischen Ämtern genutzt (ab1887 Sitz des Stadtbauamtes).

 

 

 

Das Wilhelmshöher Tor

 


 

Entwürfe von Heinrich Christoph Jussow, 1805

(Jussow-Katalog, S. 217)

 

 

Jussow (1754-1825) war kurfürstlicher Oberbaudirektor; nach 1785 hatte er bereits am Wilhelmshöher Schloß mitgewirkt, wo der Mittelbau ab 1791 nach seinen Entwürfen errichtet wurde. Die Umgestaltung des Parks im englischen Stil, zahlreiche Nebengebäude und die Löwenburg stammen ebenfalls von Jussow. Er gilt als einer der führenden Baumeister des Klassizismus in Deutschland.

 

-        Die heutige Wilhelmshöher Allee wurde ab 1767 angelegt, führte im letzten Stück zunächst aber über das Königstor in die Stadt; erst 1776 wurde der Verlauf geradlinig fortgesetzt. Seit 1778 durfte dieses Stück bebaut werden (zunächst Garten- und Sommerhäuser).

-        Kurz nach der Vollendung des Wilhelmshöher Schlosses 1803 began­nen erste Planungen für den Auftakt der Wilhelmshöher Allee. Das endgültige Konzept für Platz und Tor entwickelte Jussow 1805.

-        Für das Tor legte er 3 Alternativen vor: Zwei Varianten als römischer Triumphbogen, unter Rückgriff auf frühere Entwürfe für den Mittelbau des Wilhelmshöher Schlosses, sowie ein griechisches Tor in Anlehnung an das Brandenburger Tor in Berlin. Die Breite der römischen Triumphbogen entspricht etwa der ursprünglichen Straßenbreite. (Ein weiterer Entwurf mit einem dreiachsigen dorischen Tor in der Mitte (MHK., Graphische Sammlung, GS 5865 und 5866, mit weiteren Detailzeichnungen) ist trotz der ausführlichen Vermassung nur als Vorentwurf zu werten, da die Torgebäude noch nicht dem ausgeführten Zustand entsprechen: So schließen die Fenster des 2. OG mit geraden Stürzen, und das Kranzgesims sitzt deutlich niedriger, um sich über den Seitenteilen des Tores fortzusetzen; ob die Portiken auf der Straßenseite in der Aufrißzeichnung nur aus Darstellungsgründen fehlen oder auch erst später in die Planungen aufgenommen wurden, ist unklar – im Lageplan sind sie jedenfalls eingetragen. Allerdings sind die Rundbögen im 2. OG schon am nördlichen Gebäude einskizziert, und in einer Zwischenphase der Planungen wurde diese Änderung dann aufgenommen; das Kranzgesims aber blieb in diesem Entwurf noch in der alten Höhe und erfuhr auch weiterhin seine Fortsetzung am Tor (GS 6249). Erst in den drei oben abgebildeten Entwürfen entsprechen die Seitengebäude dem dann ausgeführten Zustand, indem auch das Kranzgesims angehoben wurde, unter Verzicht auf die anfangs geplante Attika.)

-        Die Torhäuser sollten verputzt und mit einer Quaderung sowie Lorbeerkränzen und Trophäen aus Bronze versehen werden. Die geplante Quaderung ist heute noch an den behauenen Werksteinen neben den Türen erkennbar.

-        Nach der Besetzung Hessens durch Napoleonische Truppen im November 1806 und der Errichtung des Königreichs Westphalen 1807 blieben Tor und Platz unvollendet. Die Bauteile für das eigentliche Tor sollen bereits fertig bearbeitet gewesen sein.

-        Im südlichen Gebäude war die Wache untergebracht, ansonsten war es vermietet oder Sitz verschiedener Behörden, das nördliche diente verschiedenen Zwecken; u.a. wohnten hier im 2. OG 1814-1822 die Brüder Grimm, außerdem Nutzung durch die Oberzolldirektion und die Kommission für Handel und Gewerbe; in preußischer Zeit Provinzial-Schulkollegium.

-        Im Zweiten Weltkrieg brannte das nördliche Gebäude aus, wurde im Äußeren aber wieder hergestellt. Das südliche Gebäude wurde um 1983 für museale Zwecke entkernt und neu ausgebaut.

 

 

 


Die Wohnung von Jakob, Wilhelm und Lotte Grimm im nördlichen Torgebäude, 1814-22


 

 

Lotte in ihrer Stube

(Aquarell von Ludwig Emil Grimm;

Grimm, Erinnerungen, Tafel VII)

 

 

 

Blick aus der Stube der Brüder

(Aquarell von Ludwig Emil Grimm;
L. E. Grimm-Katalog, S. 147)

 

 

 

Blick vom Altan der Grimmschen Wohnung nach Wilhelmshöhe

(Zeichnung von Ludwig Emil Grimm; Photographie nach unbekannter Vorlage, Stadtmuseum Kassel)

 

 

 

Grundrißskizze Wilhelm Grimms, mit Eintragung der Wandfarbe:

A, B und D dunkelgrün,

C hellgelb,

E hellblau.


 

Aus einem Brief Wilhelms an Jakob, 5.5.1814.


„Geräumig ist es, wenigstens ist so viel Platz als im Alten, eher mehr und da jetzt überall Ord­nung ist, ist vieles gewonnen, z.B. eine Kammer habe ich blos für alte Bücher, Paquete, unser Hildebrandslied u.s.w. eingerichtet. Ich freue mich, wenn Dir alles gefällt [...]. A ist un­sere Stube, das schwarz Angestrichene sind die Bücher­schränke 1.2.3. die großen 4.5. die klei­nen, auf 5 steht der Göthe. Zwischen den Fenstern die Commode b und Spiegel, a. ist das Canape, ڤ sind Ofen. [...] In B sind 6.7.8. die Bücherschränke aus dem gelben Cabinet, 9. der große offene Schrank, der sonst hinten in der gelben Stube stand. In D schlafe ich, welches mit B. von einem Ofen soll geheizt werden können, +++ ist eine Gitterwand, die Thüren sind über­all bequem aus einer Stube in die andere. E ist eine große Saalähnliche Stube, die ich der Lotte gegeben, theils weil sie die Stadtaussicht gern hat, theils weil er uns zu weitläufig und un­bequem wäre. F ist ein dunkles Cämmerchen. C ist noch neutral, kann aber im Winter ge­heizt werden und zu uns gezogen. Es sind lauter Windöfen d.h. mit Röhren, wo das Feuer in der Stube muß angemacht werden, was seine gute und schlimme Seite hat. Außer Boden, dunk­lem Raum für Küchen­geräthe sind noch zwei Dachstübchen da, tapeziert und mit Ofen, sehr schön, so daß ich einmal Lust hatte, eins mit der schönsten Aussicht zur Arbeitsstube zu machen, wenn es sonst gegangen wäre. Nun hat die Lotte eins zum Schlafen, das andere die Magd inne [...].“

(Skizze und Zitat aus Hennig / Lauer, S. 199f.)

 

 


Die ursprüngliche Konzeption Jussows für die Platzrandbebauung

 

 

Wilhelmshöher Platz 2

(Stadtmuseum Kassel)

 

 

 

 

 

Entwurf für den Mittelteil der nördlichen Platzseite

(Zeichnung von H. Chr. Jussow;

Jussow-Katalog, S. 32)

 

 

 

 

Ausführungsentwurf für das Eckhaus Königsstr.1

(Zeichnung von H. Chr. Jussow;
Jussow-Katalog, S. 219)

 

 


Symmetrieachse des Platzes ist die Königsstraße; an Süd- und Nordseite waren zwei dreiteilige Baublöcke geplant; davon nur das Haus Wilhelmshöher Platz 2 und der Mittelteil der gegenüberliegenden Seite (in veränderter Form) ausgeführt. Die Eckhäuser an der Königsstraße waren bereits um 1804-06 errichtet worden und folgten noch keinem einheitlichen Konzept.

 

 

 

Rekonstruktionsskizze der geplanten Nordseite (C. Presche)


 

 

Beim Betreten der Stadt fällt der Blick auf den repräsentativen Mittelteil des südlichen Blockes; der gleichartige nördliche Häuserblock hätte die Symmetrie zur Platzachse hergestellt. Auf diese Weise hätte die Randbebauung den Besucher auf die Königsstraße hingeführt. Bauherren waren Kasseler Bürger:

Schmiedemeister Henrich und Nicolaus Kochendörffer (Wilhelmshöher Platz 2),

Maurermeister Friedrich Burkhard Seidler (angrenzendes Grundstück),

Bibliothekar und Hofrat Ludwig Völkel (Königsstraße 1),

Branntweinschenk Wilhelm Ritz (Mittelteil von Wilhelmshöher Platz 4).

Mit dem Ende des Kurstaates 1806 unterblieb das Bauprojekt von Seidler, Ritz verkaufte seine Baustelle.

 

 

 

Die Arnoldsche Tapetenfabrik

 

 

 

Ansicht um 1900

(Stadtmuseum Kassel)

 

Dieses Gebäude vermittelt in seiner Dreiteiligkeit am besten einen Eindruck von der ursprünglichen Planung Jussows, wenn auch die Gestaltung leicht davon abweicht und die hohe Attika über dem Mittelteil fehlt.

 

-        Der Mittelteil war noch 1805 vom Branntweinschenk Ritz begonnen worden, der die Baustelle 1806 aber an den damaligen westphälischen Kriegsminister Joseph Morio verkaufte.

-        Von Morio kam das Gebäude in Staatsbesitz und wurde um die Seitenteile erweitert (ehemals mit Balkonen); es diente folgenden Persönlichkeiten als Wohnung:

-        Erster Almosenier Karl Friedrich Freiherr von Wendt, Bischof von Hildesheim,

-        Großalmosenier Ferdinand Freiherr von Lüninck, Fürstbischof von Corvey,

-        Flügeladjutant König Jérômes, Danloup Vedun,

-        Kammerherr Baron Marinville,

-        Graf von Oberg,

-        Staatsauditeur Baron von dem Busche.

-        Nach dem Ende des Königreichs Westphalen 1813 vom Kurfürsten in Erbleihe an den Tapetenfabrikanten Johann Christian Arnold vergeben (1758-1842; 1789 erste Papiertapetenfabrik Deutschlands, zuerst in der Wildemannsgasse).

-        EG und Nebengebäude: Wohnung der Arnolds und Fabrik,

-        OG: vermietet; das 1. OG ab 1855/56 an den früheren Oberhofmarschall Wilhelm Otto von der Malsburg und seine Frau Caroline, die nach dem Tod ihres Mannes 1857 die Wohnung bis zu ihrem Lebensende 1863 bewohnte.

In dieser Zeit war das Gebäude ein bedeutender Treffpunkt für Künstler:

-        Carl Heinrich Arnold (1793-1874) war zugleich ein begabter Maler (Schüler des Pariser Malers Louis David) und förderte junge Talente, u.a. Adolph (von) Menzel (1815-1905) der u.a. in diesem Haus 1847 in monate­langer Arbeit den Kasseler Karton (Huldigung Heinrichs I. 1248; 3,2m * 5,3m) zeichnete.

Weitere Gäste waren:

-        Karl Friedrich Schinkel (Architekt, Berlin; 1781-1841),

-        Daniel Engelhard (Architekt, Kassel; 1788-1856; Vorbild des Architekten in Goethes „Wahl­verwandtschaften“),

-        Christian Daniel Rauch (Bildhauer, Berlin; 1777-1857),

-        Werner Henschel (Bildhauer, Kassel; 1782-1850),

-        Robert Wilhelm Bunsen (Chemiker, 1811-1899; 1836-39 in Kassel).

Auch Kammermusikabende mit dem bedeutenden Kasseler Hofkapellmeister Louis Spohr (1784-1859; ab 1831 in Kassel) fanden hier statt.

-        Wilhelm Otto und Caroline von der Malsburg förderten Spohr tatkräftig. Wöchentlich luden sie zu Kammermusikabenden ein; in der früheren Dienstwohnung (Königsstraße 45) hatten sie u.a. Felix Mendelssohn-Bartholdy und Franz Liszt zu Gast. Ständige Gäste waren u.a. die Kasseler Maler


-        Ludwig Emil Grimm (1790-1863),    

-        August von der Embde (1780-1862),

-        Ludwig Sigismund Ruhl (1794-1887),

-        Carl Glinzer (1802-1878).

 


 

Streichquartett im Hause Spohr (in der Mitte sitzend; Skizze von Carl Heinrich Arnold)

(Homburg, S. 114)

 

 

-        1851 ging das Gebäude in den Besitz der Familie Arnold über.

-        1883 wurde die Tapetenfabrik geschlossen.

-        Ab 1926 Sitz der Tageszeitung Kasseler Post, die 1969 in der Hessischen  Allgemeinen aufging. Nachfolgend Erweiterungen an der Friedrichsstraße (Mittelteil neu, Südostflügel aufgestockt).

-        Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde das Gebäude anschließend rekonstruiert (der Mittelteil in den Obergeschossen neu errichtet); das moderne Dach beeinträchtigt leider die ursprüngliche Dreiteilung.

 

 

 

Friedrichsstraße 25

 

-        Errichtet um 1825/26, Wohnung des Theatermalers Georg Primavesi und des Malers Eduard Primavesi.

-        Erhalten, lediglich das Zwerchhaus zerstört; um 3 Achsen des Hauses Königsstraße 2 erweitert.

 

 

 

Königsstraße 2

 

-        Um 1804-1806 errichtet. Bauherr war Maurermeister Christian Schön.

-        1818 von Landgraf Friedrich, einem Bruder Kurfürst Wilhelms I., erworben, nach seinem Tod 1837 an seinen Sohn Wilhelm übergegangen.


-        Um 1851/52 verkauft, seitdem Privat­besitz. Wohnung des kurhessischen Mini­sters Ludwig Hassenpflug (1794-1862), Schwager der Brüder Grimm.

-        Ca. 1897/98-1899 durchgreifender Umbau (nach Kauf durch den Rentier Isaak); vom 1.7.1899 bis März 1905 war die Murhardsche Bibliothek im 1. OG untergebracht, ab 1900/01 führen die Adreßbücher im EG das Kaisercafé (Abb. unten), das nach 1918 Café Hessenland hieß.

-        Ab 1929 TaW (Theater am Wilhelms­höher Platz), Königsschänke und Nacht­kabarett Perle. Hier traten u.a. Otto Reutter und Joachim Ringelnatz auf.

-        In den letzten Kriegstagen 1945 zerstört (8. März).

-        1953 Neubau Hotel Hessenland, durch den Architekten Paul Bode.

 

 


Das Kaisercafé

(Ansichtskarte)

 


 

Blick in die Königsstraße, um / kurz nach 1892;

bis zur Fünffensterstraße stehen links die Häuser 1-5, rechts 2-6, dahinter der Meßplatz mit Meßhaus

(Ansichtskarte)

 

 

 

Königsstraße 4

 

-        Um 1804/05 errichtet; 1809-1813 Besitz des Bankiers Jordis-Brentano, löste W. P. Nr. 5 als Romantiker­treffpunkt ab.

-        Danach Eigentum Christoph von Rommels, Direktor des Haus- und Staatsarchivs und der Landesbibliothek, Historiker (1781-1859).

-        Zeitweise dort die Wohnungen des Hofbaumeisters Johann Conrad Bromeis (1788-1855; u.a. Residenz­palais, Umbau des Ballhauses) und des Malers Wilhelm Nahl; im 20. Jh. Café Däche.

-        Aufgestockt, erhalten (ehemals wie Königsstraße 2, an der Rückseite sind noch die alte Traufhöhe und das Zwerchhaus erkennbar).

 

 

 

Königsstraße 1

 

-        Errichtet 1805 für den Bibliothekar und Hofrat Ludwig Völkel, nach Plänen Jussows.

-        In der westphälischen Zeit Generaldirektion des Staatsschatzes bzw. Hohe Polizei.

-        Nach 1814 von der Künstlerfamilie Ruhl erworben; Wohnhaus des Bildhauers Johann Christian Ruhl (1764-1842), des Architekten Julius Eugen Ruhl (1796-1871; u.a. Ständehaus) und des Malers und Akademie­direktors Ludwig Sigismund Ruhl (1794-1887).

-        In diesem Haus befand sich bis 1866 auch die Wohnung des österreichischen Gesandten.

-        Offenbar in den letzten Kriegstagen zerstört, die Ruine danach abgebrochen.



Blick auf die Ecke Friedrichsstraße / Obere Königsstraße

(Gööck, S. 137)

 

 

Das Fürstenhaus

 

 

Das Fürstenhaus vor 1928

(Ansichtskarte)

 

 

Das sog. Fürstenhaus, mit dem Nachbarhaus Wilhelmshöher Platz 2 vereinigt:

-        1808 vom westphäl. Staat durch Jussow an der Stelle zweier Grundstücke als Amortisationskasse errichtet.

-        Nach dem Ende der Fremdherrschaft 1813 zunächst Palais der Kurfürstin Wilhelmine Caroline, ab 1814 zur Aufnahme hoher Gäste bestimmt (das Landgrafenschloß an der Fulda 1811 abgebrannt), sowie Palais des Kurprinzen Friedrich Wilhelm (bis zur Mitregentschaft 1831) und dessen Schwester Carolina (1799-1854).

-        In Nr. 2 war 1858-1870 die Oberbaudirektion untergebracht. Bereits ab 1851/52 Dienstwohnung des Oberhof­baumeisters Gottlob Engelhard (1812-1876; u.a. Hauptbahnhof), ab 1864 seines Nachfolgers Heinrich von Dehn-Rothfelser (1825-1885; u.a. Gemäldegalerie / heute Neue Galerie), bis ca. 1875/76.

-        Nach dem Deutschen Krieg und der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 Sitz des Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau (ab 1870).

-        Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, danach abgebrochen; Neubau des Hess. Verwaltungsgerichtshofes.

 

 

Das Fürstenhaus nach 1928

(Stadtarchiv Kassel)

 

 


Kandelaber und Einigungsdenkmal

 

Als der Baumring um den Platz immer dichter wurde, erfolgte um 1877 zunächst die Aufstellung eines großen Kandelabers vor einer halb­runden Pergola, als Blickpunkt der Königsstraße.

 


 

Blick durch die Königsstraße 1891;

im Hintergrund überragt das neue Gebäude des Wilhelmsgymnasiums in der Hum­boldt­straße (1886) das ehem. Koppsche Haus

(Köttelwesch, S. 56f.)

 

 

 

Das Einigungsdenkmal um 1900

(Ansichtskarte)

 

1892 Stiftung der Brüder Heinrich und Johannes Wimmel an die Stadt Kassel, u.a. für Wohnungsbau, wohltätige Zwecke und die Verschönerung von Plätzen.

 

1898 Enthüllung des Einigungs­denk­mals:

-        Bildhauer: Karl Begas (1845-1916), Professor an der Kasseler Kunst­akademie (1890-1898) Bruder des Ber­liner Bildhauers Reinhold Begas.

-        3 Medaillons: In der Mitte Kaiser Wilhelm I., an den Seiten Bismarck und Moltke.

-        Skulpturengruppe: Clio, im Buch der Geschichte blätternd, daneben ein Genius, der das Medaillon des Kaisers bekränzt.

Kandelaber und Pergola wurden zum Louisenplatz versetzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bron­ze­­teile abgenommen und eingeschmol­zen.

1964 Beschluß der Stadtverordneten, an dieser Stelle ein Denkmal für die Brüder Grimm in Form eines Terras­senbrunnens aufzustellen.

1965 Versetzung des Einigungs­denk­mals in den Fürstengarten, der Terras­sen­­brunnen allerdings nicht ausgeführt.

 

(Die Reliefs des Denkmals wurden nach Gipsabgüssen in der Mitte der 1980 Jahre nachgegossen.)


 

 

 

Das Hessische Landesmuseum

 

Der Architekt Theodor Fischer (1862-1938) gilt als einer der wegweisenden Architekten vom Anfang des 20. Jh. in Deutschland. 1893-1901 Stadtbaurat in München, 1901 und 1908-28 an der TH München, 1901-1908 an der TH Stuttgart; v.a. dort bildete er zahlreiche bedeutende Architekten aus, u.a. Martin Elsässer und Bruno Taut, und war prägend für die Entwicklung der deutschen Baukunst vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik. Er betrachtete Architektur und Städtebau als Einheit und berücksichtigte stets die regionalen Bauformen. Über seine Lehrtätigkeit hinaus besaß er großen Einfluß durch zahlreiche Publikationen. Nach ihm ist ein Nachwuchsförderpreis des Zentralinstituts für Kunstgeschichte Deutschland benannt.

 

Der Bau des Landesmuseums:

-        1906 erste Verhandlungen zwischen Stadt und Staat über einen Museumsneubau; mit dem Neubau des Rat­hauses (1905-09) zog das Stadtbauamt aus dem Gebäude aus; das Grundstück wurde dem Staat geschenkt.

-        1907 erste Entwürfe Theodor Fischers; Museumsdirektor Johannes Boehlau, der Fischer persönlich kannte, hatte ihn für das Projekt gewinnen können. Bis 1909 jedoch heftige Auseinandersetzungen mit dem Kasseler Stadtbaurat Höpfner über die Position des Gebäudes: Höpfner wünscht eine frontale Ausrichtung auf die Obere Königsstraße, Fischer eine Parallelstellung zur Wilhelmshöher Allee.

-        1910 Baubeginn, 1913 Eröffnung.


Konzeption des Gebäudes:

-        Wirkungsvoller Abschluß der Königsstraße → Turm.

-        Überleitung zur Wilhelmshöher Allee → Schrägstellung des Gebäu­des, das schon im Blick aus der Königsstraße deren Richtung angibt.

-        Den symmetrischen Torgebäuden, die den Platz einseitig beherr­schen, wird die symmetrische, höhere Fassade des Landesmuseums gegenübergestellt.

-        Da das südl. Torgebäude im Blick von der Straße aus die Symmetrie der Museumsfassade stört, wird diese durch eine Allee wieder betont, die direkt senkrecht auf den Turm zuführt.

↔ In den offiziellen Museumsplanungen wird diese Allee aufgegeben; der geplante Verbindungsbau zur Torwache hebt die Symmetrie der Museumsfassade auf.


-        Schrägstellung zur Königsstraße, zugleich Höhen- und Breitenstaffelung der Bauteile. Die beherrschende Stellung am Platz wird dadurch unterstrichen, sowie durch den hohen Travertinsockel, der nach hinten z.T. im Gelände verschwindet.

-        Bewußte Führung des Besuchers und Kontrast innen – außen: Der Haupteingang wird durch Turm, Freitreppe und offene Halle betont. Im Gegensatz zum massiven, geschlossenen Äußeren wird die Hauptachse im Inneren durch zahlreiche Durchblicke hervorgehoben.

-        Dunkle Turmhalle → helle, breite, aber niedrige Eingangshalle → enger dunkler Durchgang im Treppen­­haus → Antikensaal: groß, hoch, gleichmäßiges hoch einfallendes Seitenlicht, das inhaltliche und räumliche Zentrum des Gebäudes. Von hier aus in der Längsachse Durchblicke in das OG:

Ehrensaal im Turm – Treppenhaus – Antikensaal – OG des rückwärtigen Flügels (diese letzten Öffnungen seit 1936 geschlossen, die Gitter im Magazin).

↔ In den offiziellen Planungen: seitliche Öffnungen des Sockels für neue Eingänge; dadurch veränderte Erschließung. Im Inneren durch eine Überdachung der Höfe Gefahr einer weiteren Konkurrenz für die Hauptachse. Hier ist sehr genau darauf zu achten, wie die Planungen erfolgen.


 

Vgl. ausführlich den Bericht zum Landesmuseum.

 

 

 

Literatur und Bildnachweis:

Adreßbücher der Stadt Kassel.

von Buttlar, Adrian: Leo Klenze. Leben – Werk- Vision, München 1999.

Dörr, Cornelia: „Eine schöne Vereinigung der Meriten Krähwinkels mit den Prätenssionen von wenigstens Berlin“. Adolf Menzel in Hessen (Diss.), Marburg 1997.

Fenner, Gerd: ...das mir gnädigst auf Erbleihe überlassene ehemalige Ordensgebäude. Das Haus der Arnold´schen Tapetenfabrik am Wilhelmshöher Platz, in: Der Tapetenfabrikant Johann Christian Arnold 1758-1842, bearb. von Sabine Thümmler (die Region trifft sich, die Region erinnert sich), Kassel 1998, S. 36-48.

Ders.: Den schönsten Zuwachs an bauten ...? Zu Planung und Realität von Architektur und Städtebau in Kassel zur Zeit des Königreichs Westphalen, in: König Jérôme und der Reformstaat Westphalen. Ein junger Monarch und seine Zeit im Spannungsfeld von Begeisterung und Ablehnung, hg. von Helmut Burmeister bei Mitarbeit von Veronika Jäger, Hofgeismar 2006, S. 353-374.

Gööck, Roland: Deutsche Städte vor 100 Jahren, Augsburg 1990.

Grimm, Ludwig Emil: Erinnerungen aus meinem Leben, hg. von Wilhelm Praesent, Kassel und Basel 1950.

Heidelbach, Paul: Kassel. Ein Jahrtausend hessischer Stadtkultur, hg. von Karl Kaltwasser, Kassel und Basel 1957.

Heinrich Christoph Jussow. Ein hessischer Architekt des Klassizismus, Ausstellungskatalog der Staatlichen Museen Kassel (Hg.), Worms 1999.

Hennig, Dieter / Bernhard Lauer: Die Brüder Grimm. Dokumente ihres Lebens und Wirkens, Ausstellungskatalog, Kassel 1985.

Hermsdorff, Wolfgang: Der Vaterstadt zum Geschenk. Brüder Wimmel stifteten  ein Denkmal zur Erinnerung an Deutschlands Einigung (Ein Blick zurück 465), HN vom 6.11.1971.

Ders.: Ein Blick zurück aufs alte Kassel, Bd. 5, Kassel 1984.

Ders.: Österreichs Gesandtschaft in Kassel (Ein Blick zurück 1146), HNA vom 19.7.1986.

[Hoffmeister, Jacob]: Hessische Erinnerungen. Aus den Papieren eines verstorbenen kurhessischen Offiziers, Cassel 1882.

Homburg, Herfried: Kassel. Das geistige Profil einer tausendjährigen Stadt. Bilder und Dokumente, 2. Auflage, Kassel 1977.

Holtmeyer, Alois: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. VI, Kreis Cassel-Stadt, 5 Bde., Marburg 1923.

Kahlfuß, Hans-Jürgen (Hg.): 125 Jahre Murhardsche Stiftung der Stadt Kassel und ihre Bibliothek 1863-1988 (Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde 17), Kassel 1988.

Knackfuß, Hermann: Geschichte der Königlichen Kunstakademie zu Kassel, Kassel 1908.

Köttelwesch, Sabine: Spaziergang durch Kassel um die Jahrhundertwende, Gudensberg-Gleichen 1993.

Ludwig Emil Grimm. 1790-1863. Maler, Zeichner, Radierer. Ausstellungskatalog, Kassel 1985.

Schmidt, Michael: Später Historismus und funktionales Museum, in: 75 Jahre Hessisches Landesmuseum Kassel (Kunst in Hessen und am Mittelrhein 28 / Schriften der hessischen Museen), Darmstadt 1988, S. 13-44.

Wegner, Karl-Hermann / Siglinde Oehring: Künstler und Bürger in Kassel, in: Louis Spohr. Avantgardist des Musiklebens seiner Zeit (Kassel trifft sich, Kassel erinnert sich), Kassel 1979, S. 39-57. 

Wiegand, Thomas: Kulturdenkmäler in Hessen, Stadt Kassel II (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland), Wiesbaden 2005.

Woringer, August: Jugenderinnerungen des Fabrikanten Karl Heinrich Arnold in Kassel, in: Hessenland 21 (1907), S. 138f., 156-158, 172-175, 185-187.

 

 


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